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Zur
Bautätigkeit der Töpferwespe Katamenes arbustorum
Jedes
Wespenkind erhält eine eigene, gemauerte, halbkugelförmige Einzimmerwohnung.
Form und Grösse sind der bauenden Mutter bekannt: der Aussendurchmesser liegt
bei 20 mm und die Höhe des Gewölbes bei 15 mm. Der Bauplatz befindet sich an
einem grossen Stein und erhält nur
bis Mitte Nachmittag Sonne.
Die Töpferwespe Eumenes arbustorum verwendet für die Herstellung der
Brutzellen 2-5 mm
grosse kantige Steinchen, die sie mit einem selber hergestellten Mörtel
geschickt zusammenfügt. Der Arbeitsaufwand für den Einbau eines jeden
Bausteins liegt bei sechs Minuten, und im ganzen braucht die Mutter knapp 30
dieser spitzen, unregelmässigen Splitter und zwei Stunden, bis die Brutzelle
aufnahmebereit ist.
Töpferwespen sind darauf angewiesen, dass sie in der näheren Umgebung ihres
Bauplatzes jederzeit offen zugängliches Wasser finden und aufnehmen können.
Sie bevorzugen wie viele andere Insekten flache Wasserpfützen, die immer wieder
frisch genährt werden. Sie sind aber auch in der Lage, Wasser von einer
tropfenden Brunnenröhre wegzusaugen. Mit dem Wasser, das die Wespe aufnimmt, löscht
sie nicht etwa den Durst. Sie braucht es vielmehr für die anschliessende
Pflasterherstellung. Eine Wasserladung - sie dürfte etwa dem vierten Teil ihres
Körpergewichtes entsprechen - reicht für den Einbau von vier bis acht
Steinchen.
Nach der Wasseraufnahme fliegt die Töpferin verzugslos den Baumaterialplatz an.
Das ist nicht irgend eine günstige Stelle, wo sie Sand und Steinchen finden
kann, sondern eine ganz bestimmte, auf die sie seit Beginn der Bauarbeit aus
irgend einem Grunde fixiert ist, und die sie immer dann zielsicher anfliegt,
wenn sie gemäss erblich festgelegtem Tätigkeitsprogramm Mörtel herstellen
muss. Beim beobachteten Tier lag zwischen Bauplatz und Sandaufnahmeplatz eine
Flugstrecke von 30 m.
Unmittelbar nach der Landung beginnt die Wespe mit ihren Mandibeln den
verfestigten Sand aufzukratzen. Von Zeit zu Zeit gibt sie etwas Wasser dazu, dem
sie ein selber hergestelltes und wie Zement wirkendes Bindemittel beigefügt
hat. Mit Hilfe der Mundwerk-zeuge und der Vorderbeine dreht sie den angenetzten
Sand zu einer transportfähigen Pflasterkugel.
Mit dem aufbereiteten Mörtel geht es auf die Suche nach einem passenden
Baustein. Fühler und Vorderbeine prüfen Grösse, Form und Gewicht. Nach
wenigen Versuchen hat sie das für die bevorstehende Bauphase richtige Steinchen
gefunden, klemmt es sorgfältig, aber trotzdem sehr schnell unter die
Pflasterkugel und fliegt mit der ganzen Ladung unverzüglich zum Nestbauplatz.
Sie hält die recht wackelige Fracht geschickt zwischen Vorderbeinen,
Kopfunterseite und Mundwerkzeugen. Die Landung am Felsbrocken ist sehr genau und
bietet trotz der Kopflastigkeit keinerlei Schwierigkeiten. Bald steht die Töpferwespe
kopfunter halbwegs in ihrem Bauwerk, hält sich mit den spitzen Fusskrallen an
der rauhen Unterlage fest, stellt mit den Vorderbeinen das mitgebrachte
Steinchen in eine Lücke des Gewölbes und bringt die Mörtelkugel mit den
Mandibeln
geschickt
ins Innere der Zelle, um dann damit die Pflasterfugen auszufüllen.
Töpferwespen
arbeiten mit einer unglaublichen Präzision. Jeder mitgebrachte Stein passt,
immer reicht der Mörtel und auch das noch abzugebende Wasser, und niemals fällt
weder der Stein, noch ein Teil des Mörtels hinunter. Nach spätestens zwei
Minuten ist ein neuer Baustein versetzt und der verbindende Mörtel
angetrocknet. Bis zum nächsten Arbeitsgang ist auch dieser Teil der Brutzelle
so hart, dass wir ihn mit dem Finger nicht mehr eindrücken können.
Für den Abschluss der Zelle holt die Baumeisterin nur Sand, durchnässten
diesmal, den sie besonders gut knetet. Jetzt gilt es, der Brutzelle einen
trichterförmigen Kragen aufzusetzen. Für diese Arbeit verwendet das Insekt
eine neue Arbeitstechnik. Es greift mit den Mundwerkzeugen in die Öffnung und
verwendet sie dann als drehbare Verschalung. Die nasse Mörtelkugel liegt auf
der Kante, Aufwärts-, Abwärts- und Drehbewegungen der Vorderbeine und eine
zirkelförmige Bewegung des ganzen Tieres sorgen dafür, dass aus dem
Baumaterial allmählich ein kreisrundes Mäuerchen entsteht. Eine besondere
Aufgabe lösen die Fühler. Sie dienen als eine Art Schublehre, die laufend den
Innendurchmesser kontrolliert. Er misst bei Brutzellen dieser Art 2.5 mm. Die
Herstellung des Trichters dauert länger als jeder der andern Arbeitsgänge. Bis
zuletzt befeuchtet die Wespe den ganzen Ring. So bleibt er elastisch und
formbar. Ein Zuviel an Wasser würde allerdings den Zusammenbruch bedeuten.
Eiablage
Für
die Eiablage schiebt die Mutter ihren Hinterleib behutsam durch den Trichter in
die Brutzelle, ertastet sich im Innern den höchsten Punkt der noch leeren
Halbkugel und befestigt dort einen kräftigen Faden. Daran hängt sie ein 4 mm
langes, weisses Ei. Damit schliesst die Töpferwespe die erste von drei
Arbeitsphasen ab. Wir werden sie nach einer einstündigen Pause bei einer ganz
anderen Tätigkeit weiter beobachten können.
Versorgung
der Brutzelle mit gelähmten Schmetterlingsraupen
Die nächste Arbeit
der Töpferwespe ist schwierig zu beobachten: Sie sucht in den Blütenköpfen
des Wundklees Raupen des Zwergbläulings
Cupido minimus, des kleinsten Tagfalters Mitteleuropas. Diese Räupchen
leben ausschliesslich von den heranreifenden Samen in den Fruchtknoten oder den
unreifen Früchten des Wundklees. Wenn die Töpferwespe mit Hilfe ihres Geruchs-
und Tastsinns eine dieser Larven gefunden hat, lähmt sie diese mit einem Stich
ins Bauchmark, klemmt sie dann zwischen Mandibeln und Vorderbeine und fliegt
damit zur Brutzelle.
Der fein verputzte Trichter gestattet ein reibungsloses Einschieben der
Schmetterlingsraupe mit Hilfe der Mandibeln und der Vorderbeine. Das gelähmte
Opfer ist nichts anderes als eine lebende Fleischkonserve, die so lange frisch
bleiben muss, bis sich aus dem Wespenei eine äusserst gefrässige Larve
entwickelt hat. Das ist bereits nach wenigen Tagen der Fall. Die Wespenmutter
weiss, dass jeder ihrer Nachkommen gut ein Dutzend Raupen braucht, also setzt
sie ihren Beutefang und die Brutzellenversorgung während der nächsten dreieinhalb Stunden fort.
Zwischen den einzelnen Versorgungsflügen liegen verschieden lange Zeitspannen,
einmal warten wir nur fünf Minuten, ein andermal fast eine Stunde. Die Raupen
leben einzeln auf verschiedenen Pflanzen, und so ergeben sich von vielen Zufälligkeiten
abhängige Suchzeiten.
Verputzarbeiten
Nach der Versorgung
mit Schmetterlingsraupen verschliesst die Töpferwespe die Brutzelle, indem sie
den Trichter mit Mörtel ausfüllt. Anschliessend braucht sie noch knapp hundert
Arbeitsgänge, um sie mit Steinen und Sand zu verputzen. Dieser Aufwand scheint
übertrieben gross zu sein, wenn wir ihn mit dem Brutzellenbau vergleichen. Er
wird aber verständlich, wenn wir die Gefahren kennen, die den Nachkommen
drohen. Hochspezialisierte Parasiten wie die Schlupfwespe Mesostenus plagiator
sind in der Lage, dünnwandige Bauten zu durchbohren. Mit Steinen durchsetzte
Mauern sind einbruchsicherer. Nach viereinhalb Stunden pausenloser
Verputzarbeiten ist das Bauwerk
fertig.
Ausblick
Die Larve wird innert
weniger Tage den ganzen Beutevorrat aufgefressen haben, anschliessend
dreiviertel Jahre in ihrer Zelle verharren, sich dann im Mai des kommenden
Jahres verpuppen, und im Juni wird sich eine zierliche und doch kräftige Töpferwespe
ans Tageslicht durchbeissen.
Weder Gewitterregen noch sommerliche Hitze, weder Schnee noch Kälte vermögen
die Brutzelle zu zerstören. Sie ist für eine Insektenewigkeit gebaut. Die Töchter
und Enkelinnen werden die Arbeit der Mutter weiterführen. Keine Generation hat
je ein Glied der folgenden gesehen und trotzdem arbeitet jede nur für die nächste.
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