| Fonds Landschaft Schweiz-Projekt "Kulturlandschaft Zeneggen 2000" |
Wallis: Sprinkleranlagen sind kein Ersatz für die «Heiligen Wasser»
Suonen erhalten,
Kulturlandschaft retten.VON FABRICE MÜLLER (TEXT) UND ADY IMESCH (BILDER)
(Artikel entnommen aus "Schweiz Revue / 3 - 1998" mit Genehmigung der Autoren)
| «Suonen» - der Begriff steht für das traditionelle Wasserleitungssystem Im Wallis. Die offenen Wasserrinnen versorgen niederschlagsarme Gemeinden aus weit entfernten Bächen und Quellen. Die Suonen bilden die Wasserversorgung und damit die Grundlage einer einzigartigen Kulturlandschaft. Durch den Einsatz moderner Sprinkleranlagen wird diese zunehmend bedroht. Das FLS (Fonds Landschaft Schweiz)-Projekt "Kulturlandschaft Zeneggen 2000" gibt nun Gegensteuer... |
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Zeneggen - ein kleiner Ferienort oberhalb Visp im Wallis, auf einer Bergkanzel gelegen und umragt von Viertausendern - besitzt eine der wertvollsten naturnahen Kulturlandschaften der Schweiz. Etliche, in unserem Land vom Aussterben bedrohte oder seltene Tier- und Pflanzenarten sind hier oben noch anzutreffen. Ein wichtiges Glied dieser extensiv genutzten Landschaft sind die sogenannten Suonen, das traditionelle Wasserleitungssystem, das seit Jahrhunderten Weiden, Wiesen und Äcker von Zeneggen und vielen anderen Walliser Gemeinden bewässert.
Jahrhunderte alte Wasserrechte
Da die Gemeinde sehr sonnenexponiert und niederschlagsarm ist, sich aber nicht in die alpine Stufe erstreckt, muss das Wasser weit weg von Bächen und Quellen der Nachbargemeinden Embd und Unterbäch «geholt» werden. Diese Jahrhunderte alten Wasserrechte werden heute noch beansprucht und traditionsgemäss im Turnus von den Grundeigentümern genutzt. Jede Familie erhält in regelmässigen Abständen das Wässerungsrecht und kann dann das Wasser in ihre Wiesen einleiten. Um die kurze Frist - die den Familien zur Verfügung steht - voll auszunützen, ist während der Sommernächte je ein Familienmitglied unterwegs, um das Wasser in die verschiedenen Parzellen zu verteilen.
Blumen, Schmetterlinge und Vögel verschwinden.
Wie überall im Wallis hat auch in Zeneggen der Gesellschaftswandel Einfluss auf die Kulturlandschaft: Die aufwendige und unwirtschaftliche Nutzung ertragsarmer Standorte wurde in den letzten 20 Jahren in grossem Umfang aufgegeben. Auf der anderen Seite findet auf den ertragreichen Wiesen eine Intensivierung statt. Die Aufgabe der Bewirtschaftung ertragsarmer Standorte führt zu einer starken Verwaldung und bringt die einst prachtvollen Blumenwiesen allmählich zum Verschwinden. Mit den Blumen verschwinden auch seltene Schmetterlinge und seltenste, gar europaweit bedrohte Kulturlandvögel wie zum Beispiel die Heidelerche.
Die Kulturlandschaft von Zeneggen wird auch geprägt von zahlreichen Scheunen und Stadeln. Da die Heuernte heute meist zentral eingebracht wird und die landschaftsprägenden Steinplattendächer sehr teuer sind, sind viele ehemalige Wirtschaftsgebäude am Zerfallen oder mit einem banalen Wellblechdach versehen.
| Dank der durch Wälder und Wiesen verlaufenden Wasserleitungen wird die Landschaft strukturiert. Es entstehen entlang der Wasserrinnen Bauminseln und Hecken, abseits aber bleiben Trockengebiete. |
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Verarmung der Landschaft.
Der Gesellschaftswandel hat auch bei den Suonen nicht Halt gemacht: In vielen Walliser Gemeinden sind die Suonenleitungen verrohrt und die Berieselung durch Hoch- und Niederdruck-Sprinkleranlagen abgelöst worden. Mit dieser modernen Bewässerungstechnik fliesst das Wasser zwar viel gezielter durch undurchlässige Rohre, es findet jedoch eine zunehmende Verarmung der Landschaft statt. Die Laubbaumsäume entlang der Suonen in Trockenhängen verschwinden wegen Wassermangels, die besprinkelten Wiesen weisen eine deutlich geringere Blumenvielfalt und einen höheren Anteil an Gräsern auf, das Nahrungsangebot für Insekten ist aufgrund der vielfach längeren «Regenzeit» in diesen Wiesen viel schlechter nutzbar, bodenbrütende Vogelarten meiden solche beregneten Flächen, und die früher nicht erreichbaren Trockenkuppen (mosaikartig eingestreute Inseln in Halbfettwiesen) werden ebenfalls mit Wasser gesättigt, so dass die Trockenflora und -fauna verdrängt wird. Das zeigt, dass eine intakte, vielfältige und artenreiche Kulturlandschaft ohne ein gut funktionierendes Suonennetz im Wallis nicht überlebensfähig ist.
12 Kilometer lange Suonen.
Die Gemeinde Zeneggen ist gewillt, diese traditionelle Bewässerungsweise auch in Zukunft aufrecht zuerhalten und so die einzigartige Kulturlandschaft zu erhalten. Da der Aufwand für den Unterhalt der 12 Kilometer langen Suonenleitungen für das Dorf nicht länger tragbar ist, hat Zeneggen beim Fonds Landschaft Schweiz (FLS) ein Finanzhilfegesuch eingereicht. Es beinhaltet die Erhaltung und Pflege der Suonenlandschaft sowie die Erhaltung und Wiederherstellung der mit dem Suonensystem verbundenen landschaftlichen und naturkundlichen Werte.
| Zeneggens Suonen messen rund 12 Kilometer Länge. Das Wasser fliesst in von Menschenhand geschaffenen und unterhaltenen Kanälen. |
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Wiederbelebung der Kulturlandschaft
Ziel des FLS-Projekts in Zeneggen ist eine möglichst natur- und landschaftsschonende Wiederbelebung der Kulturlandschaft, die auf eine traditionelle Bewirtschaftung angewiesen ist. Konkret bedeutet das:
Fach- und naturgerechter Unterhalt des Suonennetzes: sogenannte «Problemstellen» sollen saniert sowie Metall- oder Plastikrohre durch Holzkänel ersetzt werden. Die Suonen werden abschnittsweise in sechs Etappen instandgestellt (eine Etappe pro Jahr).
Vorbeugende Massnahmen sowie periodische Kontrollgänge entlang der Suonen verhindern Überschwemmungen und andere drohende Gefahren.
Trockenmauem, Holzzäune und Naturwege bleiben erhalten.
Einige markante Wirtschaftsgebäude werden erhalten und fachgerecht instandgestellt.
Durch die extensive landwirtschaftliche Nutzung naturschützerisch wertvoller Parzellen fördert und schützt das Projekt Moore, Trockenstandorte und artenreiche Halbfettwiesen.
Hochstammobstbäume sollen erhalten werden, ebenso die Strukturvielfalt an Hecken, Einzelbäumen, Büschen, Trockenkuppen, Feuchtgräben und Terrassen;
Mit gezielten Säuberungsaktionen wird verhindert, dass wertvolle Biotope verwalden.
| Die Trockenmauern und Hecken bieten in Zeneggen Lebensraum für viele vom Aussterben bedrohte Tier und Pflanzenarten. |
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Finanzielle Anreize für Eigentümer.
Um die Bevölkerung und vor allem die Eigentümer sowie Benutzer der betroffenen Parzellen für das Projekt motivieren zu können, braucht es angemessene Gegenleistungen, finanzielle Anreize und Überzeugungsarbeit. Wertvolle, jedoch mit Büschen versehene Parzellen werden soweit hergestellt, dass sie mit normalem Aufwand bewirtschaftbar sind. Dabei will man darauf achten, dass Sträucher und Bäume nicht radikal entfernt werden, sondern eine ästhetisch schöne und für zahlreiche Tier und Pflanzenarten wertvolle halboffene Kulturlandschaft gestaltet wird. Ein wichtiger Anreiz für die Eigentümer sind sogenannte Bewirtschaftungsbeiträge für Moorflächen, ertragsarme Trockenstandorte und artenreiche Halbfettwiesen. Die Beiträge pro Aare setzen sich zusammen aus Geldern von Bund, Kanton und dem FLS. Im Verlaufe des Projekts können für zirka 30 bis 40 Hektaren besonders schutzwürdiger Biotope Bewirtschaftungsverträge abgeschlossen werden.
«Wegen der vielen Eigentümer wird es auch bei einer optimalen Durchführung des Projekts nicht an Dynamik bezüglich Nutzungswechseln mangeln», sind sich die Verantwortlichen sicher; «manche Parzellen wechseln den Besitzer oder den Bewirtschafter, andere werden aus Altersgründen der bisherigen Landwirte nicht mehr genutzt.» Um den Überblick behalten zu können und die Erfolgskontrolle im Griff zu haben, sollen die Daten über die einzelnen Standorte in einem sogenannten Geographischen Informationssystem (GIS) abgelegt werden.
Werterhaltungsarbeiten bis 2007.
Das ganze Projekt wird rund zehn bis elf Jahre dauern. 1996 wurde ein erstes Suonen-Teilstück saniert. Dieses gilt als Musterbeispiel für die weiteren Arbeiten. 1998 steht bereits die Sanierung des dritten Suonen-Abschnitts auf dem Programm. Gemäss Zeitplan ist die Suonen-Sanierung im Jahre 2002 abgeschlossen. Danach folgen Unterhalts- und Werterhaltungsarbeiten bis 2007. Bis dahin sollten auch die Optimierungen in den Bereichen Wald, Landschaft und Landwirtschaft beendet sein.
Die Kosten für das Projekt FLS Zeneggen belaufen sich auf zirka 1447000 Franken. Davon übernehmen Bund und Kanton zirka 730000 Franken (Bewirtschaftungsbeiträge), die Gemeinde Zeneggen zirka 75 000 Franken und der FLS rund 670 000
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Powerpoint-Präsentation über das Projekt "Kulturlandschaft Zeneggen 1994-2005" von Adolf Imesch und Dr. Arnold Steiner (PPT-File mit 34 MB)
Der Fonds Landschaft Schweiz:
Der Fonds Landschaft Schweiz (FLS) engagiert sich für die Erhaltung, Pflege und Wiederherstellung naturnaher Kulturlandschaften. Dabei gewährt der FLS Finanzhilfen für den Natur- und Heimatschutz sowie für die Erhaltung nachhaltiger Bewirtschaftungsweisen.
Weitere Informationen: Fonds Landschaft Schweiz (FLS), Hans Weiss, Geschäftsstelle, Thunstrasse 36, 3005 Bern, Telefon 0313517181.